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Was sagt Forschung an Mäusen oder Menschen wirklich über Hunde aus?

Quellenstand
2026-09-24

Du hast diese Kurve vermutlich schon einmal gesehen: Bei zu wenig Aktivierung bleibt die Leistung niedrig, bei mittlerer Aktivierung erreicht sie ihr Optimum und bei zu viel Aktivierung fällt sie wieder ab. Daneben steht häufig „Yerkes-Dodson-Gesetz“, manchmal ergänzt um die Erklärung, wo dein Hund am besten lernen könne.

Die ursprüngliche Studie dahinter erschien 1908. Untersucht wurden keine Hunde im Training, sondern Mäuse in einer visuellen Unterscheidungsaufgabe. Die Forschenden veränderten die Schwierigkeit der Unterscheidung und die Stärke elektrischer Reize. Ein allgemeines Aktivierungsniveau wurde dabei nicht gemessen (Yerkes & Dodson, 1908).

Ist die Studie deshalb für Hunde wertlos? Nein. Sie kann ein Ausgangspunkt für die Frage sein, wie Stärke eines Reizes, Schwierigkeit einer Aufgabe und Leistung zusammenhängen. Sie liefert nur noch keine fertige Antwort darauf, wie aufgeregt dein Hund beim Rückruf, in einer Hundebegegnung oder vor einer Suchaufgabe sein sollte.

Um den Befund auf Hundetraining zu übertragen, müssen wir die Schritte dazwischen sichtbar machen.

Redaktioneller Stand: 15. Oktober 2026 · Wissenschaftlicher Quellenabgleich: 24. September 2026.

Eine Studie beantwortet zuerst ihre eigene Frage

Nehmen wir die Mäusestudie noch einmal genauer. Die Tiere sollten zwischen unterschiedlich hellen Bereichen unterscheiden. Ein Fehler hatte einen elektrischen Reiz zur Folge. Je nachdem, wie ähnlich sich die beiden Bereiche waren, fiel der Zusammenhang zwischen Reizstärke und Lerngeschwindigkeit unterschiedlich aus. Aus diesem eng umrissenen Experiment wurde später eine sehr viel allgemeinere Geschichte über Aktivierung und Leistung. Wie stark sich die heute bekannte Kurve von der ursprünglichen Untersuchung entfernt hat, ist in der Wissenschaft wiederholt aufgearbeitet worden (Teigen, 1994; Nieuwenhuis, 2024).

Das macht weder das Experiment noch die spätere Aktivierungsforschung bedeutungslos. Es zeigt etwas Wichtigeres: Eine Quelle trägt immer zuerst die Aussage, die mit ihren Tieren, ihrer Aufgabe und ihren Messungen tatsächlich untersucht wurde.

Für den Weg zum Hund kommen weitere Fragen hinzu. Ist der angenommene Mechanismus bei beiden Spezies plausibel? Entspricht die Aufgabe dem, was später über Hundetraining gesagt wird? Wurde in beiden Fällen überhaupt dasselbe gemessen? Und gibt es direkte Hundedaten, die den Gedanken stützen, begrenzen oder in eine andere Richtung lenken?

Je konkreter die Aussage wird, desto wichtiger werden diese Zwischenstufen. Der allgemeine Satz, dass starke Anforderungen Leistung beeinflussen können, braucht eine andere Art von Absicherung als die Behauptung, dein Hund könne oberhalb eines bestimmten Aktivierungswertes keine bewusste Entscheidung mehr treffen.

Direkte Hundedaten lösen das Problem nicht automatisch

2015 untersuchten Emily Bray, Evan MacLean und Brian Hare, wie Hunde eine Umwegaufgabe bewältigten. Eine Gruppe bestand aus Assistenzhunden, die andere aus Haushunden. Die Hunde mussten an einer transparenten Barriere vorbei zu einer Person gelangen. Vorher verhielt sich die Person entweder ruhig oder ermunterte den Hund sehr lebhaft.

Die im Ausgangsvergleich ruhigere Assistenzhundegruppe löste die Aufgabe unter stärkerer Anregung besser. Bei den stärker erregbaren Haushunden verschlechterte sich die Leistung. Damit gibt es einen direkten Hundebefund, nach dem dieselbe Anregung nicht für jede Gruppe dieselbe Folge hatte (Bray et al., 2015).

Für den Alltag ist das interessant. Wenn ein Spürhund vor seinem Einsatz lebhaft wird und anschließend sauber sucht, passt sein Zustand offenbar noch zur Aufgabe. Schießt er am Start vorbei, lässt Suchbereiche aus und verliert seine Anzeige, hat sich nicht bloß seine „Aufregung“ verändert; seine Arbeit wird sichtbar ungenauer.

Trotzdem liefert die Studie keine allgemeine Aktivierungskurve für jeden Hund. Assistenz- und Haushunde unterschieden sich nicht nur in ihrer momentanen Erregbarkeit. Auswahl, Aufzucht, Training und Alltagserfahrung können ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Außerdem wurde eine bestimmte Umwegaufgabe untersucht. Ein Rückruf aus einer Wildspur, ruhiges Warten in einer Tierarztpraxis und eine feine Targetübung stellen andere Anforderungen.

Direkte Hundedaten bringen uns also näher an die Zielart. Sie können trotzdem weit von genau deinem Hund und deiner Frage entfernt sein. „An Hunden untersucht“ beschreibt die Spezies, nicht automatisch die Reichweite des Ergebnisses.

Gleiche Wörter können verschiedene Aufgaben verdecken

Begriffe wie Impulskontrolle, Gedächtnis, Angst oder Empathie klingen so, als wüssten wir sofort, was gemessen wurde. In einem Experiment steckt hinter dem Wort jedoch immer eine konkrete Aufgabe.

Ein Hund soll vielleicht um eine durchsichtige Barriere herumgehen, statt direkt auf das sichtbare Ziel zuzulaufen. In einer anderen Studie wartet er vor einem Stück Futter. Anderswo soll er eine bereits begonnene Bewegung auf ein Signal hin abbrechen. Alle drei Aufgaben können unter „inhibitorischer Kontrolle“ auftauchen, obwohl Sehen, Bewegung, Trainingserfahrung, Frustration und Wert des Ziels jeweils anders beteiligt sind.

Das ist kein kleiner methodischer Schönheitsfehler. Wenn eine Aufgabe nicht sauber erfasst, was ihr Name verspricht, wird auch der Vergleich zwischen Spezies unsicher. Ein Tier kann an einem Versuchsaufbau scheitern, weil es den Reiz anders wahrnimmt, das Gerät schlechter bedienen kann oder die angebotene Belohnung für dieses Tier kaum Bedeutung hat. Eine körperlich identische Aufgabe ist deshalb nicht automatisch ein fairer Vergleich (Schubiger et al., 2020).

Bei Hunden kommt hinzu, dass viele Verhaltenstests dieselben großen Begriffe für sehr unterschiedliche Reize und Abläufe verwenden. Eine aktuelle Übersicht fand in 392 Publikationen insgesamt 2.362 Verhaltenstests und eine erhebliche Vielfalt bei Methoden und Begriffen. Der Name eines Tests verrät daher noch nicht zuverlässig, welche Eigenschaft er misst (Moser et al., 2024).

Wenn eine Maus, ein Mensch und ein Hund in Studien jeweils eine „Angstaufgabe“ lösen, folgt daraus noch nicht, dass ihre Aufgaben denselben Teil von Angst abbilden. Manchmal ist die Gemeinsamkeit belastbar. Manchmal liegt sie hauptsächlich im Wort, das wir über drei sehr verschiedene Versuchsaufbauten geschrieben haben.

Der passende Vergleich hängt von der Frage ab

Bei grundlegenden Lernprozessen können sehr verschiedene Tierarten wichtige Hinweise liefern. Klassische und operante Prozesse wurden bei vielen Spezies untersucht, und die Forschung an anderen Tieren hilft dabei, Mechanismen zu erkennen, die auch für Hunde plausibel sind. Daraus folgt jedoch kein gleichförmiges „Standardtier“, das sich nur durch seine äußere Form unterscheidet.

Für Fragen zur Hundekognition können je nach Thema andere Vergleichspartner sinnvoll sein. Der Hund ist ein Canide, stammt von sozial jagenden Vorfahren ab und lebt seit langer Zeit in einer vom Menschen geprägten Umwelt. Ein Vergleich mit Wölfen kann für manche Fragen besonders aufschlussreich sein. Für andere sind weitere domestizierte Arten, soziale Jäger oder der Mensch interessanter. Eine große vergleichende Übersicht ordnet Hundekognition deshalb gleichzeitig phylogenetisch, ökologisch und über die Domestikation ein (Lea & Osthaus, 2018).

Selbst beim naheliegenden Vergleich zwischen Hunden und Wölfen muss die Lebensgeschichte mit auf den Tisch. Ein intensiv an Menschen gewöhnter Wolf und ein Familienhund aus einem normalen Haushalt bringen andere Erfahrungen mit. Werden Aufzucht und Kontakt zum Menschen nicht vergleichbar gestaltet, kann ein vermeintlicher Speziesunterschied teilweise aus genau diesen Bedingungen entstehen. Neuere Reviews zeigen, wie stark Schlussfolgerungen über Domestikation davon abhängen, welche Populationen, Aufgaben und Erklärungen einbezogen werden (Range & Marshall-Pescini, 2022).

Die Frage lautet daher selten nur: „Welche Spezies wurde untersucht?“ Ebenso wichtig ist: Warum ist genau diese Spezies ein sinnvoller Vergleich für genau diesen Mechanismus?

Ähnlichkeit auf einer Ebene beweist noch nicht die nächste

Im September 2026 erschien ein Preprint, für den Forschende fast 60.000 Zellkerne aus fünf Regionen von Hundegehirnen untersuchten. Sie verglichen die Genaktivität verschiedener Zelltypen anschließend mit Daten von Menschen und Mäusen. Viele neuronale Zelltypen waren über die drei Spezies hinweg vergleichsweise stark erhalten. Bei nicht-neuronalen Zellen zeigten sich größere Unterschiede, besonders bei Oligodendrozyten, die unter anderem an der Bildung von Myelin beteiligt sind (Christmas et al., 2026).

Das ist direkte molekulare Evidenz aus Hundegewebe. Sie hilft dabei, Gemeinsamkeiten und Unterschiede auf der Ebene von Zelltypen genauer zu untersuchen. Der Befund sagt allerdings nicht, wie ein Hund in einer Begegnung entscheidet, wie er eine Korrektur erlebt oder welche Rolle im Cockpit gerade „am Steuer“ sitzt. Zwischen Genaktivität in einem Zelltyp und sichtbarem Verhalten liegen weitere Ebenen: lokale Schaltkreise, größere Netzwerke, körperliche Reaktionen, Lerngeschichte, aktuelle Umwelt und die konkrete Aufgabe.

Auch der Preprintstatus gehört zur Aussage. Die Daten sind öffentlich zugänglich und wissenschaftlich interessant, das Manuskript hat aber noch kein reguläres Peer Review durchlaufen. Unabhängige Auswertungen können die Einordnung später bestätigen oder verändern.

An diesem Beispiel wird der Unterschied zwischen Homologie und funktioneller Ähnlichkeit greifbar. Homolog nennen Forschende Merkmale, die auf einen gemeinsamen evolutionären Ursprung zurückgehen. Zwei Systeme können außerdem eine ähnliche Funktion erfüllen, obwohl Aufbau und Entwicklung nicht vollständig übereinstimmen; dann ist die funktionale Vergleichbarkeit für die Frage entscheidend. Beides kann eine Übertragung stützen. Keines erlaubt es, mehrere Erklärungsebenen in einem Satz zu überspringen.

Von einem Mechanismus bis zum Spaziergang liegen mehrere Schritte

Forschung mit Nagern und Menschen zeigt, dass starke oder anhaltende Belastung Funktionen beeinträchtigen kann, an denen präfrontale Netzwerke beteiligt sind. Dazu gehören Arbeitsgedächtnis und flexible Kontrolle. Diese Forschung liefert eine plausible Erklärung dafür, weshalb es einem Hund in einer fordernden Situation schwerer fallen kann, eine vertraute Reaktion zu unterbrechen und auf eine andere Lösung zu wechseln (Arnsten, 2009).

Sie zeigt aber nicht, was im Gehirn deines Hundes geschieht, wenn er am Ende der Leine einen Hasen entdeckt. Dafür fehlen in diesem Moment Messung, Aufgabenvergleich und direkte Information über diesen Hund.

Für das Training liefert die Übertragung eine Arbeitshypothese. Du kannst damit rechnen, dass hohe Anforderungen flexible Leistung erschweren können. Anschließend prüfst du das, was vor dir tatsächlich passiert: Dreht dein Hund sich nach dem Signal vollständig zu dir? Bleibt nur ein Ohrzucken? Kann er Abstand mitgehen? Wird die Bewegung ungenauer, sobald der Hase losläuft?

Die Forschung liefert hier eine mögliche Erklärung und eine sinnvolle Erwartung. Die Beobachtung deines Hundes entscheidet, ob diese Erwartung gerade passt. Ist die Orientierung nicht mehr verfügbar, sicherst du die Situation und machst die nächste Aufgabe leichter.

Ein Körperwert ist noch kein Erleben

Dasselbe Problem taucht bei Biomarkern auf. Cortisol kommt nicht nur bei Hunden vor, und seine Rolle in körperlichen Anpassungsreaktionen lässt sich nicht verstehen, wenn wir ausschließlich Hundestudien betrachten. Grundlagenforschung anderer Spezies hilft dabei, Entstehung, zeitlichen Verlauf und mögliche Funktionen solcher Reaktionen zu erklären.

Der Schritt von dort zu „Dieser Hund hat Angst“ ist erheblich größer. Schon direkte Hundestudien zeigen, dass Verhalten, Herzrate und Cortisol nicht in jeder Situation dasselbe Muster bilden. Beerda und Kolleginnen untersuchten Hunde bei unterschiedlichen Reizen und erfassten mehrere Verhaltens- und Körpermaße. Solche Arbeiten machen Cortisol als Teil der Beurteilung nützlich, verwandeln es aber nicht in ein eindeutiges Gefühlsmessgerät (Beerda et al., 1998).

Hier hilft Cross-Species-Forschung also auf zwei Ebenen. Sie kann den Mechanismus eines Messwerts verständlicher machen. Gleichzeitig erinnert die direkte Hundeforschung daran, wie vorsichtig aus diesem Messwert auf den Zustand eines einzelnen Hundes geschlossen werden muss. Die ausführliche Frage, wie Stress beim Hund gemessen werden kann, erhält deshalb einen eigenen D3-Artikel.

Gute Übertragung wird stärker, wenn verschiedene Wege zusammenkommen

Kein einzelnes Kriterium entscheidet jede Transferfrage. Nähe zwischen Spezies hilft, doch ein nah verwandtes Tier kann in einer unpassenden Aufgabe schlechter vergleichbar sein als eine entferntere Spezies in einem gut verstandenen Grundmechanismus. Direkte Hundedaten helfen ebenfalls, können aber auf eine kleine, stark ausgewählte Gruppe oder einen künstlichen Aufbau begrenzt bleiben.

Vertrauen entsteht, wenn mehrere Linien zusammenpassen. Ein Mechanismus ist in verschiedenen Säugetieren wiederholt beobachtet worden. Direkte Hundestudien zeigen Ergebnisse in derselben Richtung. Unterschiedliche Aufgaben und Messverfahren führen nicht jedes Mal zu einer anderen Geschichte. Gegenbefunde wurden gesucht und verändern die Erklärung dort, wo sie tatsächlich widersprechen.

In der translationalen Forschung wird diese Frage als externe Validität behandelt: Unter welchen anderen Bedingungen, Populationen oder Spezies trägt ein Ergebnis noch? Auch ein intern sehr sauberes Experiment beantwortet diese zweite Frage nicht automatisch. Alter, Geschlecht, Umwelt, Population und Versuchsanordnung können bestimmen, wie weit ein Befund reicht (Dirnagl et al., 2022).

Für Hundetraining ergibt sich daraus keine Pflicht, auf perfekte Evidenz zu warten. Viele praktische Entscheidungen müssen getroffen werden, obwohl die Forschung nicht exakt diesen Hund in dieser Situation untersucht hat. Dann wird die Aussage so eng formuliert, wie die Evidenz es erlaubt, das Vorgehen bleibt beobachtbar und die Fehlerfolgen bestimmen, wie vorsichtig wir handeln.

Bei einer reversiblen Targetübung kannst du eine plausible Idee ausprobieren und am Verhalten prüfen. Bei einem Medikament, einem schmerzhaften Verfahren oder einem hohen Beißrisiko reicht dieselbe Unsicherheit nicht. Je größer die möglichen Folgen einer falschen Übertragung sind, desto mehr direkte und passende Evidenz brauchen wir.

Was das für das SCS Cockpit bedeutet

Das Cockpit aus Das Gehirn an der Leine ist ein didaktisches Modell. Kapitän, Funker, Alarm-Pilot, Navigator und Autopilot helfen dir, mitten in einer Situation verschiedene Aufgaben und Reaktionsmuster auseinanderzuhalten. Die Rollen bündeln Aufgaben, an denen im Gehirn mehrere Netzwerke mitwirken.

Unter dem Bild liegen Befunde aus Neurobiologie, Lernforschung, Stressforschung und direkter Hundeforschung. Ein Teil davon stammt aus Studien mit Menschen oder anderen Tieren. Die Forschung begründet, warum es sinnvoll sein kann, Wahrnehmung, schnelle Reaktionen, flexible Auswahl und gelernte Routinen didaktisch auseinanderzuhalten.

Wenn neue direkte Hundedaten eine dieser Übersetzungen präzisieren, wird die fachliche Erklärung angepasst. Die einfache Buchsprache bleibt dabei der Einstieg. Das Cockpit im Kopf führt diese Rückübersetzung ausführlicher aus.

So lässt sich ein Befund in der richtigen Größe lesen

Stell dir vor, du liest: „Bei Mäusen wurde gezeigt, dass …“ Du musst den Satz weder sofort verwerfen noch gedanklich „bei Hunden“ einsetzen.

Schau zuerst auf das, was die Tiere tatsächlich tun mussten. Danach auf die Veränderung, die im Experiment vorgenommen wurde, und auf das Ergebnis, das gemessen wurde. Erst dann wird interessant, ob der angenommene Mechanismus beim Hund plausibel ist und ob Hundestudien in dieselbe Richtung weisen.

Bei einer allgemeinen Lernerklärung kann eine breite Vergleichsbasis sehr wertvoll sein. Soll daraus eine Aussage über das Erleben eines Hundes, die Wirksamkeit einer konkreten Trainingsmethode oder eine medizinische Entscheidung werden, muss die Evidenz näher an Hunde, Aufgabe und Ziel heranrücken.

Diese Art zu lesen ist etwas langsamer als ein Satz mit „wissenschaftlich bewiesen“. Dafür bleibt am Ende erkennbar, was wir wissen, was wir begründet übertragen und was wir an diesem Hund noch beobachten müssen.

Zum Buch: Was die Studien auf Seite 51 zeigen

Einen Menschen erwarten, ohne ihn zu sehen

Bei Huber und dem Team (2025) hatten Hunde zuvor gesehen und gehört, wie eine Versuchsleiterin Karotten schnitt. Später war sie abwesend. Hörten die Hunde eine Aufnahme des Schneidens, wählten sie häufiger zuerst einen Futterteller, der von ihrem früheren Platz aus nicht einsehbar gewesen wäre. Bei Straßengeräuschen als Kontrolle zeigte sich diese Vorliebe nicht. Die Hunde konnten also frühere Erfahrung und einen aktuellen Geräuschhinweis verbinden.

Offen blieb, ob sie dabei die Sicht der Frau berücksichtigten oder sich daran erinnerten, von welchem Platz aus sie die Frau selbst gesehen hatten. Auf Seite 51 geht es daher genauer um die Erwartung an eine nicht sichtbare Versuchsleiterin. Die Studie erfasste die Futterwahl; wie das Hundegehirn diese Aufgabe löste, wurde nicht gemessen.

Was sich im menschlichen EEG unterschied

Carbone und das Team (2026) werteten EEG-Aufzeichnungen von 29 Menschen bei Kontakt mit einem echten Hund, einer Hundenachbildung und einer Pflanze aus. Bestimmte Aktivitätsmuster unterschieden sich zwischen diesen Bedingungen. Die „völlig exklusive neuronale Signatur“ auf Seite 51 ist damit zu weit gefasst: Andere soziale Begegnungen, etwa mit Menschen oder weiteren Tierarten, wurden nicht verglichen. Die Ergebnisse betreffen außerdem das Gehirn der Menschen. Sie messen weder die Bindungsqualität eines einzelnen Teams noch die Aktivität im Hundegehirn.

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Quellen & Evidenz

Yerkes und Dodson tragen die enge Beschreibung ihres Mäuseexperiments. Teigen ordnet die historische Ausweitung zum vermeintlich universellen Gesetz ein; Nieuwenhuis bespricht aktuelle Evidenz zu Aktivierung und Leistung beim Menschen. Bray et al. liefern den direkten, aber auf zwei Hundegruppen und eine Umwegaufgabe begrenzten Hundebefund. Schubiger et al. tragen die methodischen Grenzen kognitiver Tieraufgaben. Moser et al. zeigen die Heterogenität direkter Hundetests. Lea und Osthaus sowie Range und Marshall-Pescini tragen die vergleichende Einordnung von Hundekognition. Christmas et al. liefern direkte Daten zu Zelltypen im Hundegehirn; die Arbeit ist ein Preprint und kein Verhaltensbeleg. Arnsten liefert eine indirekte mechanistische Grundlage aus Human- und Tiermodellen. Beerda et al. liefern direkte Hundedaten zu Verhalten und physiologischen Maßen. Dirnagl et al. tragen die allgemeine Methodik externer Validität; ihre Beispiele stammen überwiegend aus biomedizinischer Translation und werden hier auf die Logik der Übertragung, nicht auf einen konkreten Hundemechanismus, bezogen.

Arnsten, A. F. T. (2009). Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function. Nature Reviews Neuroscience, 10(6), 410–422. https://doi.org/10.1038/nrn2648

Beerda, B., Schilder, M. B. H., van Hooff, J. A. R. A. M., de Vries, H. W., & Mol, J. A. (1998). Behavioural, saliva cortisol and heart rate responses to different types of stimuli in dogs. Applied Animal Behaviour Science, 58(3–4), 365–381. https://doi.org/10.1016/S0168-1591(97)00145-7

Bray, E. E., MacLean, E. L., & Hare, B. A. (2015). Increasing arousal enhances inhibitory control in calm but not excitable dogs. Animal Cognition, 18(6), 1317–1329. https://doi.org/10.1007/s10071-015-0901-1

Christmas, M. J., Pederson, E., Wallerman, O., Pyl, P. T., Reinsbach, S., Sundström, E., Wang, C., Karlsson, Å., Arendt, M., Meadows, J. R. S., & Lindblad-Toh, K. (2026). A single nuclei expression resource for exploring dog brain cell transcriptomic diversity. bioRxiv [Preprint]. https://doi.org/10.64898/2026.09.14.751376

Dirnagl, U., Bannach-Brown, A., & McCann, S. (2022). External validity in translational biomedicine: Understanding the conditions enabling the cause to have an effect. EMBO Molecular Medicine, 14(2), e14334. https://doi.org/10.15252/emmm.202114334

Lea, S. E. G., & Osthaus, B. (2018). In what sense are dogs special? Canine cognition in comparative context. Learning & Behavior, 46(4), 335–363. https://doi.org/10.3758/s13420-018-0349-7

Moser, A. Y., Welch, M., Brown, W. Y., McGreevy, P., & Bennett, P. C. (2024). Methods of behavioral testing in dogs: A scoping review and analysis of test stimuli. Frontiers in Veterinary Science, 11, 1455574. https://doi.org/10.3389/fvets.2024.1455574

Nieuwenhuis, S. (2024). Arousal and performance: Revisiting the famous inverted-U-shaped curve. Trends in Cognitive Sciences, 28(5), 394–396. https://doi.org/10.1016/j.tics.2024.03.011

Range, F., & Marshall-Pescini, S. (2022). Comparing wolves and dogs: Current status and implications for human “self-domestication”. Trends in Cognitive Sciences, 26(4), 337–349. https://doi.org/10.1016/j.tics.2022.01.003

Schubiger, M. N., Fichtel, C., & Burkart, J. M. (2020). Validity of cognitive tests for non-human animals: Pitfalls and prospects. Frontiers in Psychology, 11, 1835. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2020.01835

Teigen, K. H. (1994). Yerkes-Dodson: A law for all seasons. Theory & Psychology, 4(4), 525–547. https://doi.org/10.1177/0959354394044004

Yerkes, R. M., & Dodson, J. D. (1908). The relation of strength of stimulus to rapidity of habit-formation. Journal of Comparative Neurology and Psychology, 18(5), 459–482. https://doi.org/10.1002/cne.920180503